Montag, 14. Februar 2011

"Neue" Fantasy zu nihilistisch ?

Ein Blogger/Kommentator namens "Leo Grin", hat einen nicht uninteressanten Artikel veröffentlicht. Nicht uninteressant deswegen, weil der Artikel einiges darüber aussagt, was für ihn "gute" Fantasy ausmacht, aber auch wie uninformiert er teilweise ist. Als Beispiele für "gute" Fantasy nennt er Tolkien und Robert E. Howard (Conan) , als Gegenbeispiele Joe Abercrombie und Erik Stevenson. Zusammengefasst:
  • Er spricht von "Seifenopernplots" bei den modernen Fantasyautoren.
  • In ihrem Versuch mehr Bewegung in das Genre zu bringen, exerzieren sie "moderne Blasphemien, die gegen unser mythisches Erbe gerichtet sind."
  • Er vergleicht Abercrombie's First Law Trilogy mit einem Herr der Ringe in dem am Ende die Hobbits an Krebs sterben, Aragorn sich als alberner und unfähiger König entpuppt, und Gandalf's großer Plan aufgeht, und er sich zum neuen dunkeln Lord aufschwingt.
  • In dem sie die Bausteine und Bilder unserer lieb gewonnenen modernen Mythen beschmutzen, tun sie in seinem Vergleich quasi nichts anderes wie Künstler die Kruzifixe mit Urin, Kot oder Insekten besudeln.
  • Für ihn ersetzen sie Ehre mit Entwürdigung, Romantik mit Schmutz, Ruhm mit Niederlage und Hoffnung mit Verzweiflung.
  • Er vergleicht sie mit jungen Lümmeln, die ihre eigenen Fürze lustig finden.
Er scheint die klassischen Heldengeschichten zu vermissen, mit Happy End Helden, die keine Schattenseiten oder Probleme haben. Leo Grinn erinnert mich ein bißchen an Leute, die behaupten dass früher alles besser war. Früher waren die Dinge vielleicht einfacher, aber nicht zwingend besser. Aber Fantasy ist nicht das gleiche wie "Märchen", und zumindest das von ihm angeführte Beispiel Tolkien entspricht eben auch nicht den Kriterien die er anlegt.
Der von mir sehr geschätze Werthead , hat ein gute Antwort darauf verfasst:

  • Tolkiens Welt is purer Nihilismus, was insbesondere im Silmarilion deutlich wird. Die Welt befindet sich spätestens seit Melkor in einem chaotischen Niedergang.
  • Auch die Ringkriege haben ja letzten Endes kein Happy End. Das Schöne auf der Welt verschwindet nach Saurons Niedergang nur langsamer. 
  • Robert Howards Welt ist noch anarchischer und chaotischer. Das Schwert, nicht das Wort regiert.
  • Die älteren Sagen und Mythen die Tolkien und Howard in ihren Werken mit verarbeiten, bzw. sich implizit beziehen., können sich was Brutalität und Obszönität angeht, locker mit Abercrombie und Stevenson messen, ja sie übertreffen sie sogar.
  • Ein Punkt gibt es in dem Grin recht behält: Die Sprache ist härter, auch primitiver geworden. Fantasy für Erwachsene scheint teilweise gleichbedeutend zu sein mit Ficken, Metzeln und Fluchen.
  • Howards Stil lässt durchaus den Rückschluss zu, dass er sich härterer Sprache bedient hätte, wenn er gedurft hätte.
Und im letzten Absatz bringt Werthead es auf den Punkt:

Das Problem ist, dass der Verfasser sowohl Tolkien als auch Howard grundlegend missgedeutet hat. Die Zeit deren Verlust er beklagt, die Zeit der Fantasy mit heroischen Figuren ohne moralische Komplexität und Schattenseiten, hat es in Wirklichkeit nie gegeben.

Kommentare:

  1. Also mindestens die Behauptung, dass Tolkien purer Nihilismus sei, und das es beim LotR und/oder Silmarillion nur um Niedergang geht ist genauso purer Quatsch wie der Artikel von Herrn Grinn. Wert ist wohl doch nicht ganz so schlau wie er meint zu sein.

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  2. Naja, ich finde nicht dass es purer Quatsch ist. In Tolkins Welt wird es doch permanent schlechter, die Taten der Elben, Menschen & Zwerge verlangsamen es höchstens, der Idealzustand am Beginn der Welt, kann nicht mehr erreicht werden. Die Ringkriege sind zwar furious, und voller großer Taten, aber sie ändern doch nur den Ablauf der Dinge, nicht das Resultat.
    Letzen Endes verschwindet alles Schöne von der Welt.
    Meine letzte Silmarillionlektüre ist schon eine Weile her, und ich habe es derzeit auch nicht zur Hand deswegen bemühe ich mal Wikipedia:

    "„Quenta Silmarillion“ endet mit der Feststellung, dass „Hohes und Schönes“ immer zu „Dunkel und Trümmern“ werde. Das sei das Schicksal der Erde, und eine Änderung sei allenfalls von den Valar abzusehen."

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  3. Wenn etwas schlechter wird oder zu Ende geht, hat das zunächst mal nichts mit Nihilismus zu tun. Und weder Tolkiens noch Howards Werke sind nihilistisch. Abercrombies übrigens auch nicht; beim coolen Joe wird eher eine sehr zynische Weltsicht zur Schau gestellt. Falls man wissen will, wie Nihilismus in Fantasy geht, sollte man sich K.J. Parkers "Fencer Trilogy" oder den Einzelroman "The Company" anschauen.

    Leo Grin (dessen "rant" ich auch für weit überzogen halte; da soll wohl eher unter dem Deckmantel der Fantasykritik ein bisschen politisch Stimmung gemacht werden) hat nebenbei bemerkt jede Menge fundierter Artikel über Howard und dessen Werke geschrieben. Wert ist imho tatsächlich nicht so schlau, wie er gerne tut. ;-))

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  4. Ich verstehe was Grin an der "modernen" Fantasy kritisiert, aber was er in den Klassikern hoch hält bzw. dagegensetzt, ist halt auch idealisiert, und in dieser Weise nicht vorhanden, da stehe ich nach wie vor zu Wert.
    Ich denke wir können uns auf jeden Fall darauf einigen, dass die Begriffe "Nihilist" bzw. "nihilistisch" in der Diskussion nichts verloren haben.

    @Gero
    Die Fencer Trilogy steht bei mir auch schon seit Ewigkeiten auf der Leseliste, ich glaube sie verdient jetzt nen Bump ganz weit nach vorne.

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